Afghanistan: Lynchmord. Die Hintergründe.

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERAWir erinnern uns noch an die Schlagzeilen vom März 2015:

In Kabul ist eine Frau von einem aufgebrachten Mob getötet worden, weil sie einen Koran verbrannt haben soll. Eine wütende Menschenmenge hatte sich vor einer Moschee versammelt und die Frau zu Tode geprügelt. Ihre Leiche wurde anschließend über die Mauer des Kabul-Flusses geworfen, dort mit Benzin übergossen und verbrannt. Polizisten standen in einigem Abstand um das Feuer herum. Eingegriffen haben sie nicht.

Wie ich nun direkt aus Afghanistan erfahren habe, sind mehr Hintergründe über diese schreckliche Tat bekannt. In der deutschen und internationalen Presse wird darüber wohl nichts mehr erscheinen, das Geschehen liegt zu weit zurück und ist „abgehakt“. Man bezeichnete die Frau auch als geisteskrank, bewiesen ist das jedoch nicht. Um ein wenig zur Gerechtigkeit beizutragen, will ich das Geschehen hier unter Hinzunahme meiner Informationen noch einmal aufgreifen.

In einigen islamischen Länder halten sich Männer, die sich Mullahs nennen, im Umkreis von Moscheen auf und verkaufen Zettel auf die sie einige, angeblich arabische Wörter schreiben. Solche Papierfetzen heißen Tawiss. Der Käufer steckt sich diesen Zettel in eine Tasche oder befestigt ihn an seiner Kleidung und hofft, dass das Papier Heilung, Liebesglück, Kindersegen oder Reichtum bringt. Das Tawiss-Unwesen hat im Islam keine Rechtfertigung und gilt als Aberglaube.

Die ermordete Frau war tiefgläubig und ging schon länger gegen diese Praktiken vor. Sie ging in die Moscheen und erklärte den Gläubigen, die solche Papierfetzen erwerben wollten, dass das gegen die Religion verstoße und dass die Papiere wirkungslos seien. Ihr Verhalten kam bei den Verkäufern natürlich nicht gut an. Man hatte die Frau schon mehrfach bedroht. Diesmal wollte man ihr eins auswischen. Diese Aktion sei dann nach Aussagen der Täter „aus dem Ruder gelaufen“. Man hätte gerufen, dass die Frau einen Koran verbrannt habe. Dadurch wurden viele Leute und heftige Emotionen hervorgerufen, die in der Ermordung der Frau gipfelten.

Tags darauf wurde die Tote von einem großen Trauerzug zum Grab begleitet. Der Sarg wurde von Frauen getragen, was nicht der Tradition entspricht und einmalig war. In der Provinz gab es Demonstrationen. 19 Personen, von denen bekannt war, dass sie an dem Mord beteiligt waren, wurden verhaftet; darunter auch der zuständige Polizeikommandant und einige seiner Leute. Das Ministerium für Islamische Angelegenheiten hat den Tawiss-Handel nun in allen Moscheen verboten.

Das Video dazu.

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3 Antworten zu Afghanistan: Lynchmord. Die Hintergründe.

  1. leonieloewin schreibt:

    Gut, dass Du das Thema hier noch einmal aufgegriffen hast. Danke.

  2. Miss Baileyvally schreibt:

    Ganz fürchterlich! Kann mir nicht vorstellen das das gleiche einem Mann dort passiert wäre. Aber vielen Dank für deinen Bericht.

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