Reinhold Messner: Von der Grenzerfahrung des Todes

„Bergsteiger sind keine Helden, sondern ganz normale Leute.“

Reinhold Messner

Was ist das für ein Mann, der schon jetzt eine Legende ist? Reinhold Messner aus Südtirol ist Extrembergsteiger, Naturschützer, Abenteurer, Buchautor ehemaliger Politiker und nun auch Museumsgründer. Er erzählt, geschliffen und rhetorisch einwandfrei, meist vor großem Publikum. Seine Vortragsreihen sind ausverkauft.

Messner (Large)„Ich bin erfolgreich geworden, weil ich öfters als andere am Boden lag und wieder aufgestiegen bin.“ So einfach ist sie, die Formel seines persönlichen Erfolges, zusammengefasst in ein paar Worten, in einem Satz. Er sei schon seit frühester Jugend losgegangen mit dem Wissen, umzukommen. Aus einer menschenfeindlichen Umgebung wieder herauszukommen, das sei für ihn immer das Schönste gewesen. Er spricht vom „Weithinausgeworfensein“, und davon, dorthin zu gehen, wo man umkommen könnte, um nicht umzukommen! Jeder, auch er, muss selbst entscheiden, was er tun möchte. Denn: In vielen Regionen ist keine Rettung möglich.

Die erste große Leidenschaft

Es fällt auf, dass Messner nie vom Sterben spricht, immer nur vom Umkommen. Das Felsklettern war seine erste große Leidenschaft. „Weil es mir Freiraum gab, deswegen!“ Im Alter von fünf Jahren unternahm er seine erste Bergtour mit der Familie. Sein erster Dreitausender, ganz in der Nähe des Elternhauses! Aufgewachsen in den Dolomiten, auf einer Alm, bezeichnet er heute diese Berge als die schönsten der Welt. In Südtirol ist der 70-Jährige verwurzelt, auf dem Bauernhof hat er alles gelernt, was man zum Leben braucht. Er erzählt von den Bergtouren am Wochenende, als es schon in aller Früh um vier Uhr losging. Die Mutter hat ihm diesen Freiraum gewährt, hat ihn gehen lassen. Er fühlt sich glücklich, dort, mitten in den Bergen, groß geworden zu sein.

Selbst bezeichnet er sich als „horizontsüchtiger Wanderer“, der in einem Rhythmus aufgewachsen sei, der nicht in Frage zu stellen war. Und dabei hat er seinen Instinkt vor der Gefahr entwickelt, einen, der ganz besonders ist und der ihn schon häufig das Leben gerettet hat. Er plaudert aus dem Nähkästchen. Darüber, dass ein Urgroßvater den Hof versoffen und dass er selbst als junger Mann die Universität geschmissen hat. Reinhold Messner, der nicht schwimmen kann, erzählt von Flussdurchquerungen mit Stöcken, immer verbunden mit dem Risiko, weggespült zu werden.

Später, nach den Bergen, den Achttausendern, hat er weitere Herausforderungen gesucht, sie in der Überquerung von Sand- und Eiswüsten gefunden. „Es ist großartig, dass die Welt noch bewohnbar ist“, sagt er. Mittendrin ist er in den Wüsten, die Weite, Stille und Unendlichkeit verheißen. Dann erzählt er von einem Himmelsbegräbnis, das er zufällig in der Nähe eines tibetanischen Klosters erlebte. Von Geiern, die die sterblichen Überreste eines Menschen fraßen und in wenigen Minuten nichts mehr von ihm übrig ließen. Das könne er sich auch vorstellen, auf diese Weise die Welt zu verlassen. Er spricht vom Göttlichen, nicht von Gott.

Ein Bauernhof für Krisenzeiten

Jetzt sei er alt, wundert sich fast ein wenig über seine 70 Lebensjahre: „Ich habe selbst nie daran geglaubt, meine ersten 40 Jahre zu überleben.“ Gedanken an eine Altersversorgung hat er nie gehabt. Doch jetzt hat er sich mit einem Bauernhof die Selbstversorgung gesichert. Unterhalb von Schloss Juval bei Naturns. Im Notfall, in Krisenzeiten, ist alles da, was man braucht. „Nicht nur für mich, auch für die Familie.“

Er erinnert sich an seinen Bruder Günther, mit dem er oft gemeinsam in den Bergen unterwegs war. Und an seinen Tod am Nanga Parbat im Jahr 1970. „Wir waren dem Berg völlig ausgeliefert.“ Er erzählt von der Nacht bei minus 14 Grad, die die beiden Brüder im Freien verbringen mussten, ganz weit oben, an einer Felswand. Überstanden haben diese Nacht beide, es war eine der letzten Nächte mit dem Bruder. Messner zeigt das Foto eines pakistanischen Bauern, der ihn nach den Schicksalstagen am Berg getroffen und versorgt hatte. Ihn, der die Grenzerfahrung des Todes überlebt hat. Sein Bruder nicht. Er zeigt die Bilder des Skeletts und eines Schuhs, die der Berg nach über 30 Jahren freigegeben hatte. Messner deutet auf den besonders geknoteten Schnürsenkel und spricht davon, dass es nur der Schuh des Bruders sein konnte: „Da habe ich gewusst, dass er es war!“

Hilfe zur Selbsthilfe

Dort, in dem Tal, in dem er damals den Bergbauern traf, steht heute eine Schule. Sie war der Anfang, es folgten weitere Schulen, Brücken und Krankenstationen. Für Menschen, die in den entlegensten Gegenden der Welt leben. Messner setzt sich dafür ein, dass – entgegen der Tradition in Pakistan – Schulen auch von Mädchen besucht werden dürfen. Der Südtiroler weist auf seine Stiftung hin und auf die Bedeutung der Nachhaltigkeit, der Hilfe zur Selbsthilfe. Letztendlich hat er sich mit dem Nanga Parbat, genannt Killer Mountain – Todesberg, versöhnt.

Messner hat viele Menschen kennengelernt, viele außergewöhnliche Charaktere. Und er weiß Menschen zu beschreiben: „Wenn man es längere Zeit nicht mit sich alleine aushält, ist man auch anderen nicht zumutbar.“ Jetzt im Alter hat er eine neue Leidenschaft entdeckt: Museen. Seine Museen. Mit dem Bau des sechsten Hauses wird sein Bergmuseum-Projekt abgeschlossen sein. Sagt er! Der von Stararchitektin Zaha Hadid entworfene Bau auf dem Kronplatz wird sich dem traditionellen Bergsteigen widmen. „Der Königsdisziplin“, ergänzt Messner. „Es wird auch die interessieren, deren höchste Besteigung ein Barhocker war!“ Die Eröffnung ist im Sommer 2015 geplant.

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Über sl4lifestyle

Journalistin aus Leidenschaft, Tierschützerin mit Hingabe und neugierig auf das Leben. Ich stelle Fragen. Ich suche Antworten. Und ab und zu möchte ich die Welt ein Stückweit besser machen ... Manchmal gelingt es!
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