Gastautor Leopold Teuscher: Der Mensch ist keine Maus

IMG_1772Rund drei Millionen Tiere lassen jährlich im Namen der Forschung ihr Leben in deutschen Versuchslaboren. Der größte Teil davon sind Mäuse. Der bundesweit aktive Ärzte gegen Tierversuche e.V. hält diese Art der Forschung für einen wissenschaftlichen Irrweg und schickt zur Aufklärung das „Mausmobil“ auf Deutschland-Tour. Wissenschaftlicher Begleiter ist der Ulmer Neurobiologe Christian Ott. Der Verein Ärzte gegen Tierversuche behauptet, dass Tierversuche für den Menschen gefährlich sind.

Können Sie das kurz erläutern?

Christian Ott: Tierversuche suggerieren eine Sicherheit, die nicht gegeben ist. Oftmals wird die Sicherheit von Medikamenten oder Kosmetik damit beworben, dass sie bereits im Tierversuch getestet wurden. Allerdings lassen sich die Ergebnisse eines Tierversuchs nicht auf den Menschen übertragen, weil Tiere anders oder empfindlicher oder weniger empfindlich reagieren.

Können Sie dafür Beispiele nennen?

Eine Maus verträgt eine Million mal mehr Bakterien, bevor es zu einer Blutvergiftung kommt. Andererseits ist Acetylsalicylsäure, der Wirkstoff von Aspirin, zwar für Katzen giftig, aber beim Menschen ungefährlich. Bis zum Einsatz am Menschen weiß man nicht, wie er auf den Stoff reagieren wird. Darum fallen auch 92 Prozent der im Tierversuch als sicher bewerteten Medikamente in der klinischen Phase aufgrund mangelnder Wirkung und schwerer Nebenwirkungen durch. Dieser mangelnden Sicherheit fallen jährlich rund 58.000 Menschen zum Opfer, die an Nebenwirkungen von an Tieren getesteten Medikamenten sterben.

Wo und von wem werden in Deutschland Tierversuche gemacht?

Die meisten Tiere werden in der Grundlagenforschung an Universitäten genutzt. Dies ist Forschung, die explizit keine direkte Anwendung für den Menschen zum Ziel hat, sondern nur wissenschaftliche Neugier befriedigt. Außerdem führen Pharmaunternehmen Tierversuche zur Forschung an Krankheiten und Erprobung neuer Wirkstoffe durch. Toxikologische Versuche stellen einen weiteren Schwerpunkt von Tierversuchen dar. Im EU- Programm „Reach“ werden tausende Chemikalien auf ihre Giftigkeit hin im Tierversuch untersucht und neue Chemikalien müssen ihre Unbedenklichkeit für den Menschen durch Ergebnisse imTierversuch „belegen“.

Werden auch in Franken Tierversuche durchgeführt?

Auf Basis von veröffentlichten Studien erstellt Ärzte gegen Tierversuche in der Datenbank www.datenbank-tierversuche.de ein Ranking deutscher Tierversuchshochburgen, welches angeführt wird von Berlin und München. In Franken erlangten Würzburg und Erlangen traurige Berühmtheit als Tierversuchshochburgen auf Platz acht und neun mit dem Zentrum für Experimentelle Molekulare Medizin (ZEMM) der Universität in Würzburg und dem Franz-Penzoldt-Zentrum (FPZ) der Universität in Erlangen.

Was geschieht mit den Tieren konkret?

Forscher lassen sich immer wieder neue Möglichkeiten einfallen, wie Tiere im Versuch als Messinstrument verwendet werden könnten. Darum gibt es inzwischen eine Fülle von Tierversuchen, die sich gar nicht erschöpfend schildern lässt. Zur Qualitätssicherung von Botox (Botulinumtoxin, einem Nervengift) wird Gruppen von Mäusen das Gift in unterschiedlicher Dosierung in die Bauchhöhle gespritzt und ermittelt, wie vieleMäuse in den kommenden Stunden bzw. Tagen an Muskellähmung sterben und bei vollemBewusstsein ersticken. Um Depression zu erforschen, lassen Wissenschaftler Mäuse in einem rundenWassertank bis zur Erschöpfung schwimmen. Wenn die Maus aufgibt und sich treiben lässt, wird dies als Depression bezeichnet.

Zur Erforschung von ätzenden Substanzen werden Mäusen, Kaninchen oder Meerschweinchen ein Bereich des Fells rasiert und die reizende Substanz in unterschiedlicher Dosierung aufgetragen. In den kommenden Tagen kommt es zu Entzündungen und Verätzungen auf der Haut.

Gibt es denn Alternativen zur Forschung an Tieren?

Der Verein Ärzte gegenTierversuche setzt sich dafür ein, dass die Forschung artspezifisch erfolgt. Statt Krankheiten im falschen Organismus, dem Tier, zu simulieren, sollten Krankheiten in den vielfältigen Möglichkeiten der In-vitro-Forschung untersucht werden. Hierbei werden Zell- und Gewebekulturen menschlicher Zellen genutzt, deren Ergebnisse direkt auf den Menschen übertragbar sind.

Inzwischen ist es sogar möglich, auf sogenannten Biochips bestimmte Organe, wie Lunge, Darm, Leber und Nieren nachzubilden und so zu untersuchen, wie eine Substanz verstoffwechselt wird.

Welche weiteren Methoden gibt es?

Computermodelle wie Quantitative Structure Activity Relationship (QSAR) oder Computer-Assisted Drug Development (CADD) dienen bereits heute dazu, auf Basis menschlicher Daten Aussagen über die voraussichtliche Wirkung einer Substanz treffen. Viele wichtigen Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte basieren auf Bevölkerungsstudien, in welchen der Zusammenhang zwischen bestimmten Krankheiten und dem Lebensstil von Menschen aufgedeckt wurden. So wurde zum Beispiel der Zusammenhang zwischen Rauchen und Krebs anhand von Daten aus Tierversuchen zunächst geleugnet und erst durch epidemiologische Studien belegt.

Weshalb hält man dann so beharrlich an Tierversuchen fest?

An Tierversuchen wird hauptsächlich aus drei Gründen festgehalten. In der Forschung werden Wissenschaftler nach der Anzahl der veröffentlichten Artikel in Fachzeitschriften beurteilt. Je höher das Ansehen der Zeitschrift und damit des Wissenschaftlers, desto mehr Förderung erfährt seine Arbeit in Form von Forschungsgeldern. Zeitschriften mit einer tierexperimentellen Ausrichtung sind hier immer noch besonders hoch angesehen. Pharmaunternehmen nutzen Tierversuche als Schutz vor rechtlichen Folgen, wenn ein Medikament nach der Zulassung schwerwiegende Nebenwirkungen aufweist. Mit Verweis auf die Tierversuche erklären die Unternehmen, sie haben verantwortungsvoll gehandelt und konnten nicht wissen, welche negativen Folgen das Medikament haben würde. Schließlich sind Tierversuche teilweise gesetzlich vorgeschrieben, wobei diese Gesetze seit bis zu 50 Jahren nicht mehr dem wissenschaftlichen Stand angepasst wurden. Die amtliche Anerkennung von tierversuchsfreien Methoden hingegen dauert Jahre und so können Unternehmen viele Methoden, welche günstiger und schneller zuverlässigere Ergebnisse liefern, heute noch nicht anwenden.

Das Gespräch führte Leopold Teuscher. Er ist Redakteur in Bamberg und bei Ärzte gegen Tierversuche e.V. (Arbeitsgruppe Bamberg) aktiv.

Ärzte gegen Tierversuche

Die Vereinigung hat mehr als 1700 Mitglieder, davon sind rund die Hälfte Ärzte, Tierärzte, Naturwissenschaftler und Psychologen. Nicht-Mediziner arbeiten als Fördermitglieder mit. Arbeitsgruppen des Vereins gibt es in Erlangen und Bamberg.
Ziel: Die Abschaffung aller Tierversuche und damit eine ethisch vertretbare, am Menschen orientierte Medizin sowie eine Wissenschaft, die durch moderne, tierversuchsfreie Testmethoden zu relevanten Ergebnissen gelangt.

Wie seht Ihr die Erzielung von Forschungsergebnissen durch Tierversuche? Ich bin auf die Diskussion gespannt!

Veröffentlicht auch in der Huffington Post am 21. Juli 2015: Gaston Vizsla: „Zum Glück bin ich kein Versuchstier!“

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Autoren zu Gast/Guest Authors, Charity, Tierschutz abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Gastautor Leopold Teuscher: Der Mensch ist keine Maus

  1. toniasdogblog schreibt:

    Sehr sehr traurig 😟

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s