Die Fotografin

Boyd_Fotografin (Large)Es hat mir mal wieder richtig Freude bereitet, die Geschichte der Fotografin Amory Clay zu lesen. Ich hatte es diesmal als Urlaubslektüre in Indien dabei. Es geht dabei um das Leben und die Lieben einer starken Frau, deren Schicksal tief in die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts führt. Das Ergebnis ist ein schillerndes Porträt, das Realität und Fiktion auf kunstvolle Weise miteinander verwebt, und einige der zentralen gesellschaftlichen Brennpunkte der vergangenen einhundert Jahre erhellt.

Ein Klick, die Blende schließt – der Startschuss zu einem neuen Leben. Mit sieben hält Amory Clay ihre erste Kamera in Händen, eine Kodak Brownie Nummer 2, und mit ihr sind alle Weichen gestellt: Amory Clay wird ein Leben als Fotografin, Reisende und Kriegsberichterstatterin führen. Statt als Gesellschaftsfotografin in London zu bleiben, beschließt sie als junge, selbstbewusste Frau alles Vertraute hinter sich zu lassen und beginnt 1931 ein Leben voller Unwägbarkeiten in Berlin. Ein Berlin der Nachtclubs, des Jazz, der Extravaganz und Freizügigkeit— und am Vorabend des 2. Weltkrieges der ersten Anzeichen von Bedrohung und Willkür.

Anstelle von Ruhm bescheren ihr die Berliner Fotos zunächst nur einen handfesten Skandal, der sie fast die Existenz kostet. Erst ein Jobangebot in New York bei dem renommierten Magazin Global Photo-Watch verhilft ihr zum geplanten Durchbruch als Fotografin. Hier in New York trifft sie in Gestalt von Cleveland Finzi auch auf die vermeintlich große Liebe. Doch Amory Clay ist viel zu lebenshungrig, als dass sie zur Ruhe kommen würde. Die Aufträge führen sie fortan von einem gefährlichen Einsatz zum nächsten. In London gerät sie bei einer Straßenschlacht in einen faschistischen Hinterhalt, den sie nur knapp überlebt. Es folgen Stationen im Paris der Nachkriegszeit, Jahre später geht sie nach Vietnam. Die Liebe ihres Lebens führt sie schließlich nach Schottland, doch auch die glückliche Zeit an der Seite ihres Angetrauten Lord Sholto Farr ist nur von kurzer Dauer. Amory Clay führt kein einfaches Leben. Im Gegenteil – sie ist der Inbegriff einer Frau, die ihrer Zeit weit voraus ist, die unerschrocken ihre Geschicke selbst in die Hand nimmt.

Autor William Boyd fühlt sich in sie ein und versteht es glänzend, mittels seines eigenhändig gesammelten Fotomaterials Fiktion und Geschichte miteinander zu verschränken. Nach seinem Erfolgsroman „Ruhelos“ hat er erneut eine unvergessliche Heldin geschaffen, eine verwegene, verblüffend moderne Frau, einen Künstlerroman, der das Porträt einer ganzen Epoche zeichnet.

William Boyd: Die Fotografin, 560 Seiten, 24 Euro.

Advertisements

Über sl4lifestyle

Journalistin aus Leidenschaft, Tierschützerin mit Hingabe und neugierig auf das Leben. Ich stelle Fragen. Ich suche Antworten. Und ab und zu möchte ich die Welt ein Stückweit besser machen ... Manchmal gelingt es!
Dieser Beitrag wurde unter Literatur abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s