Zarah Leander im Mainfrankentheater

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Zarah Leander – Die gefeierte Diva. Foto: Nik Schölzel

Ich kenne sie alle aus Erzählungen. Von meiner Mutter, meiner Großmutter. Und ich erinnere mich an die verklärten Blicke, mit denen sie mir von früher berichteten. Vor allem meine Oma. Ja, der Rühmann, der hat noch schöne Filme gedreht. Oder die Leander, die konnte singen. Und die Marlene, naja, die hat Deutschland den Rücken gekehrt, damals, irgendwann in grauer Vorzeit.

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Auf der Bühne: Der Zweite Weltkrieg. Foto: Nik Schölzel

An diese Gespräche, diese Wortfetzen erinnerte ich mich wieder. Denn eine Aufführung im Mainfrankentheater Würzburg hat meine Neugier geweckt. Neugier auf eine Frau Leander, auf Zarah Leander. Zuerst dachte ich nur an die paar Lieder, die mir von ihr vorgespielt wurden, damals. Als Teenager habe ich ihre sehr rauchige Stimme gehört, auf den alten Vinyl-Platten. Und irgendwie auch gemocht! Oh, was für eine Femme fatale …

Und jetzt, durch den Blick ins Programmheft und auf die Bühne, wurde plötzlich wieder alles lebendig. Dieses Kann denn Liebe Sünde sein? oder jenes wunderschöne Der Wind hat mir ein Lied erzählt, das auch als „La Habanera“ bekannt wurde.

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Die Diva, ein Wrack! Foto: Nik Schölzel

Bühne frei: Die Uraufführung von „Ich Zarah oder Das wilde Fleisch der letzten Diva“. Da ist sie, die schwedische Sängerin, die in Deutschland auftritt, angeblich nazikonform und angepasst, und dann später als seelisches Wrack. Die Sängerin wird eindrucksvoll gespielt von Tamara Stern. Doch wer war sie wirklich? Es ranken sich Legenden um die Schwedin.

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Lazarus mit dem Mädchenchor. Foto: Nik Schölzel

War sie nur eine naive junge Frau, die dem Hitlerregime auf den Leim ging? Und da ist Lazarus, eine fiktive Figur, der ihren Spuren folgt. Der junge Mann hat noch nie etwas von der Leander gehört, nun gerät er in den Bann dieser älteren, mittlerweile alkoholkranken aber immer noch lasziven Diva. Gemeinsam mit ihr begegnet er ihren Kontrahenten, ihren Weggefährten aber auch ihren Neidern. Zarah wird zum Star des Dritten Reiches; Hitler und Goebbels sind Fans von ihr, sie passt zum Bild, dass das Regime von Berühmtheiten jener Zeit hat. Die Zeitebenen wechseln schnell, man erfährt Unbekanntes, etwas über ihre schwedische Heimat, etwas über ihre Kinder, kleine Häppchen, die vielsagend, aber zugleich auch nichtssagend sind. Der Zuschauer bildet sich seine ganz eigene Meinung.

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Während der letzten Lebensjahre der Diva. Foto: Nik Schölzel

Wundervoll der Auftritt von Heinz Rühmann, auch einer von den sehr angepassten Schauspielern, und sein Plädoyer übers Menschsein.

„Wenn der Mensch vor die Frage gestellt wird, willst du weiterleben oder nicht? Was sagt er dann? Weiterleben, Bitteschön, sagt er, weil er Mensch ist.“

Fazit: Anrührend, bewegend und zugleich auch mahnend, diese Aufführung.

Der Vorhang hebt sich morgen wieder. Am Sonntagnachmittag, den 23. Oktober 2016, wie auch in den nächsten Wochen. Und sogar an Silvester. Es lohnt sich, dabei zu sein! Mit Zarah Leander das Jahr beenden. Warum nicht? Wird bestimmt schön! Zum Spielplan!

Idee: Franzobel (Franz Stefan Griebl, *1967) ist ein österreichischer Schriftsteller. Für seine Theaterstücke, die in bis zu 23 Sprachen übersetzt wurden, erhielt er bereits mehrfach Auszeichnungen.

 

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