Mitbringsel: Ein Hund aus Äthiopien

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Gastautorin Anne Henrich

Als wir uns das erste Mal begegneten, saß sie in einer kleinen Korbtasche auf einem Tisch – und mir waren nach einer Vielzahl zu benennender Hunde die Namen ausgegangen.

Als das kleine schwarze Fellknäuel mit nur ein paar einzelnen weißen Haaren auch noch aus der Tasche auf den Boden plumpste, war es um mich geschehen.

Vorsichtig sammelte ich die kleine, verwirrte Vierpfote wieder ein und setzte sie in den Korb und nahm sie mit nach Hause. Seitdem trägt sie den klassischen Namen aller schwarzen Katzen: Mohrle.

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Inzwischen ist das kleine Hunde-Fellknäuel, das mir damals vor bald 6 Jahren von dem Hof eines Bekannten wie ein kleiner Moses „zugestellt“ wurde, mit mir aus Äthiopien nach Deutschland übergesiedelt.Mohrle4 (Large)

Einfach ist das Einleben für die Hündin immer noch nicht: Ich habe festgestellt, dass dieser kleine Schnauzer-Mix das Herz eines Löwen hat, das schnell mal über die Stränge schlägt – denn nicht jede Mutprobe würde es erfordern, dass sich ein erderschütterndes Grollen bis zum Herzkasper aus der kleinen, schwarzseidigen Fellfreundin ringt, um dann – mit borstig gestelltem Nackenhaar und bis ins weiße verdrehten Augäpfeln – jeden Eindringling im Revier in die Flucht zu schlagen.

Nein, es ist nicht einfach, sie davon zu überzeugen, dass sie sicher ist und jeden Gast ganz relaxt als potentiellen Streichelspender „benutzen“ könnte. Dass Hyänen nicht die Klingel betätigen, und sie beim Fressen nicht die Konkurrenz von Geiern fürchten muss. Aber auch, dass Frischlinge keine Spielkameraden per se sind … Die Sache mit dem Bandwurm führe ich nicht weiter aus.

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Jeden Tag gibt mir Mohrle das Gefühl, ein umschwärmter Star zu sein, dem man sich zu Füßen wirft. Ein Blick von mir genügt, dass heftiges Schwanzklopfen einsetzt, die Hündin sich vor mir auf den Rücken rollt und mit ergebener Miene ihr inzwischen doch ganz properes Bäuchlein zur Bearbeitung freigibt. Stehe ich auf, folgt sie mir auf Schritt und Tritt, und guckt auch in der Wohnung, ob ich nicht vielleicht doch in die Toilette gefallen oder in der Rumpelkammer erschlagen worden bin.

Lege ich mich für ein Nickerchen weg, folgt sie mir auch da rennend auf ihr kleines Schaf-Fell neben meinem Bett, beobachtet, ob ich nicht vielleicht doch ein Auge aufhabe – denn dann könnten noch Streicheleinheiten drin sein – und legt sich ansonsten seufzend zum Mittagsschläfchen bereit. Andere Hunde dürfen nicht in meine Nähe – egal, ob sie dreimal so groß sind wie meine Wächterin.

Neben diesen Groupie- und Bodyguard-Eigenschaften, gibt es aber auch die der fürsorglichen Nachtwächterin: Wenn ich nachts nicht schlafen kann, was in letzter Zeit relativ häufig der Fall war, steht Mohrle im Dunkeln auf, kommt an mein Bett, stupft mich mit der nassen Nase, da sie einfach auf die entspannende, beidseitige Wirkung von Streicheleinheiten schwört.

Meist gelingt es mir dann wirklich, wieder einzuschlafen. Ich hätte nie gedacht, dass er auch zwischen Mensch und Hund greift, dieser Satz:

Ein Blick sagt mehr als 1000 Worte.

Mohrle1 (Large)Doch oft habe ich das Gefühl, dass Mohrle Gedanken lesen kann. Dann etwa, wenn ich gerade überlege, mich ohne sie aus der Wohnung zu stehlen (Schräglegen ihres Kopfes, einen bohrenden Hundeblick abschießend) oder wenn ich ein schlechtes Gewissen bekomme, da ich zu lange am Telefon bin (seufzendes Schwanzwedeln, Ohrenschütteln) oder wenn ich probiere, etwas LEISE aus dem Kühlschrank zu nehmen (um-die-Ecke-sausen mit Ausrutschen auf den Fliesen!).

Wir sind beide immer noch dabei, anzukommen. Allerdings glaube ich inzwischen auch, dass uns ein Stück afrikanischer Wildheit eigen bleiben wird und uns immer gegenseitig daran erinnern wird, dass es noch etwas Anderes als das wohlgeordnete, voraussehbare europäische Leben da draußen gibt …

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Anne Henrich war von 2007 bis 2012 Entwicklungshelferin in Äthiopien.

Habt Ihr auch Erfahrungen mit dem „Einbürgern“ von Hunden aus dem Ausland?

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5 Antworten zu Mitbringsel: Ein Hund aus Äthiopien

  1. Anita schreibt:

    Ein herzzerreißender Blick und eine wunderschöne Geschichte. Ja, so sind sie die Hunde, die wir über alles lieben und wie ihnen alles verzeihen können. Unser brasilianischer Straßenhund – mittlerweile in Deutschland gut eingelebt – liebt den Schnee und die Berge. Allerdings hat der Dachstein so seine Tücken und nun hat Tuco eine verletzte Pfote. Aber das ist eine andere Geschichte….

  2. Dahna Menner schreibt:

    Liebe Anne, ich bin gerade in Addis und habe einen kleinen Hund bei mir aufgenommen. Ich hätte ein paar Fragen an dich zum Thema Einbürgerung in Deutschland und wäre wirklich sehr froh, wenn du dich bei mir melden könntest!

    • Anne Henrich schreibt:

      Hallo Dahna, klar!!! Weiss allerdings nicht, ob sich in 5 Jahren das Procedere geändert hat. Als allererstes: sprich mit dem Tierarzt. Ich war bei Dr Shenkuth. Normalerweise braucht es eine Blutprobe die nach Deutschland geschickt werden muss, während parallel die Tollwutquarantäne läuft ( nach Impfung!). Hier musst Du Zeit einplanen (ca 8 Wochen). Der Hund muss für die Einreise gechipt sein ( Dr Shenkuth macht das). Das waren die Schritte. Wünsche Dir und Deinem Vierbeiner gute Reise 😚 LG Anne

      • sl4lifestyle schreibt:

        Danke, Anne und Dir, Dahna, Glück und Erfolg! Es lohnt sich, in einen Vierbeiner zu investieren! Hab ich auch gemacht, damals in Benin, Westafrika. 😊

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