Päckchen nach drüben

Vorweihnachtszeit in Deutschland Ende der 1960er Jahre. Ein zweigeteiltes Land. Wir waren im Westen, doch ein Großteil meiner Familie war drüben. Drüben, so nannte man die Ostzone. Für mich als kleines Mädchen aus der damals gerade mal 20 Jahre alten Bundesrepublik war es ein geheimnisvolles Land, in das man nicht so ohne weiteres reisen konnte.

Dresdner Christstollen und Bohnenkaffee

Die DDR war nicht greifbar. Überhaupt nicht. Doch der Dresdner Christstollen, der uns jedes Jahr in der zweiten Adventswoche mit der Paketpost erreichte, bedeutete für meine Familie Freude, Zuversicht und Zusammenhalt. Weihnachten nahte.

Drüben lebten Großonkel und Großtante sowie die Cousins und Cousinen. Einer meiner Cousins war so alt wie ich. Meine Mutter war seine Patentante. Die Weihnachtspäckchen für die Ostzone liebevoll zu gestalten war aufregend. Meine Mutter arbeitete in der Modebranche, und es war klar, dass sie meinem Cousin mit einer Markenjeans und dem passenden Sweat-Shirt beschenkte. Die waren bei den jungen Leuten in der DDR sehr begehrt. Mutters Cousine bekam dagegen Nylons und den letzten modischen Schrei aus dem Westen. Mal ein chices Kostüm, mal einen extravaganten Pulli oder ein besonderes Accessoires. Meine Großmutter legte zum Abschluss ein Pfund Bohnenkaffee dazu.

Familienritual in den 1960ern

Schließlich wurden die Kartons mit Packpapier umwickelt, die Oma noch liebevoll mit Tannenzweigen und Christbaumkugeln bemalte. Dann war das alljährliche Vorweihnachtsritual geschafft. Gemeinsam trugen wir die Schätze auf das nächste Postamt, um sie rechtzeitig gen Osten zu schicken. Das alles passierte in der ersten Adventswoche. Damit hatten wir die Gewissheit, dass Jeans, Pullis, Strümpfe und Kaffee am Heiligen Abend unter dem Weihnachtsbaum liegen konnten. Drüben.

5.1

Wenn die Pyramide aufgebaut wurde begann für mich Weihnachten.

Und hüben freuten wir uns schon riesig auf den Dresdner Christstollen. Doch nicht nur auf ihn. Weitere Schätze, die durch die Päckchen in unsere West-Wohnzimmer gelangten, waren die Figuren aus dem Erzgebirge. Ich habe sie geliebt: Da gab es die Kurrende-Sänger, die großen Nussknacker, Pyramiden mit echten Kerzen und natürlich der wunderschöne Schwibbogen fürs Fenster. Genau dann, wenn man von draußen seinen hell erleuchteten Kerzenschein sah, begann für mich Weihnachten.

Habt Ihr ganz besondere Kindheitserinnerungen an Weihnachten?

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Über sl4lifestyle

Journalistin aus Leidenschaft, Tierschützerin mit Hingabe und neugierig auf das Leben. Ich stelle Fragen. Ich suche Antworten. Und ab und zu möchte ich die Welt ein Stückweit besser machen ... Manchmal gelingt es!
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2 Antworten zu Päckchen nach drüben

  1. Doris schreibt:

    Sabine, meine Mama hat das auch getan. Ihre Schwester, Mann und Tochter wohnten in Lehnin am Klostersee bei Potsdam. So traurig, meine Tante starb in den 60er Jahren und meine Mama 1988. Sie hätte bestimmt gerne den Mauerfall miterlebt.

    Weihnachten, eine magische Zeit für uns Kinder.

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