Vielschichtige Frauenfiguren und ein Interview

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Heute, am Lese-Donnerstag, geht es um ein besonders emotionales Thema, das sich aus der Vergangenheit speist und in der Gegenwart weitere Schrecken nach sich zieht: Nämlich die Verquickung einer Familientragödie mit unerklärbaren Todesfällen, Geheimnissen und Verrat. Dazu gibt es im Anschluss ein Interview mit der Bestseller-Autorin, in dem sie uns Lust macht, auch ihren ersten Roman zu lesen.

1961, Seaview Cottage: Die dreizehnjährige Rebecca und ihre Mutter leiden unter dem gewalttätigen Vater. In einer stürmischen Nacht pocht jemand an die Tür des abgelegenen Cottages. Wenig später sterben beide Eltern, doch die Umstände ihres Todes werden nie aufgeklärt.

2012, London: Eine junge Mutter verschwindet spurlos mit ihrem totkranken Baby. Ihre Schwester Iris, eine Journalistin, soll sie so schnell wie möglich finden. Sie bittet ihre Mutter Rebecca um Hilfe – die ihr nie von der schicksalhaften Nacht vor über fünfzig Jahren erzählt hat. Doch nur mit dieser erschütternden Wahrheit kann es Iris gelingen, das Baby zu retten.

Emily Gunnis: Die verlorene Frau, 384 Seiten, 20 Euro

Interview mit der Autorin:

Emily GunnisEmily Gunnis arbeitete lange beim Fernsehen, unter anderem als erfolgreiche Drehbuchautorin. Mit ihrem Debütroman „Das Haus der Verlassenen“ gelang ihr auf Anhieb ein internationaler Bestseller. Die Tochter der internationalen Bestsellerautorin Penny Vincenzi lebt mit ihrer Familie im südenglischen Sussex.

Info: Emily Gunnis schafft vielschichtige Frauenfiguren, deren Schicksal atemlos macht. Die Idee zu der Geschichte kam ihr, als sie eine verblichene Zeichnung des „Bezirksirrenhauses“ von Chichester entdeckte. Ihre Schwiegermutter erzählte, dass reiche britische Männer, die von ihren Frauen genug hatten, diese manchmal in solche Anstalten steckten, da eine Scheidung bis in die 50er-Jahre des letzten Jahrhunderts schwierig war. Emily Gunnis war zutiefst erschüttert, entsetzt – und inspiriert.

Was hat Sie zu „Die verlorene Frau“ inspiriert?

Ich suchte nach einem Schauplatz für meinen neuen Roman, als ich durch Zufall auf eine alte Schwarz/Weiß-Karte von Chichester stieß. Bei genauerer Betrachtung entdeckte ich die verblichene Abbildung eines Gebäudes, das als „Bezirksirrenhaus“ („County Lunatic Asylum“) gekennzeichnet war – ein Anblick, bei dem ich Gänsehaut bekam. An einem strahlenden Januartag eine Woche darauf fuhr ich mit meiner Schwiegermutter, einer ehemaligen Polizeiermittlerin, dorthin. Anstelle der alten Anstalt gab es dort mittlerweile Luxuswohnungen. Aber man konnte immer noch die Geschichte des Orts spüren und sich vorstellen, wie die Patienten und Patientinnen damals auf dem Gelände umherwanderten. Auf der Rückfahrt erzählte mir meine Schwiegermutter, dass privilegierte britische Männer, die von ihren Frauen gelangweilt waren, diese manchmal in derartige Anstalten steckten, um freie Bahn für ihre Geliebte zu haben. Eine Scheidung war viel schwieriger zu erlangen. Das ging bis in die 50er-Jahre des letzten Jahrhunderts so! Ich war zutiefst erschüttert, entsetzt – und inspiriert.

Wie würden Sie Ihren neuen Roman in zwei Sätzen zusammenfassen?

„Die verlorene Frau“ hat zwei Erzählstränge, die sich vom Nachkriegsengland bis in die heutige Zeit spannen. Es ist ein emotionaler und eindringlicher historischer Spannungsroman mit Mutter-Tochter-Beziehungen im Zentrum und den Themen posttraumatischer Stress (verursacht durch den Zweiten Weltkrieg) und postnatale Psychose.

Auch Ihr erster Bestseller, „Das Haus der Verlassenen“, wurde durch eine erschütternde historische Wahrheit inspiriert: die schrecklichen Zustände in den Arbeitshäusern für ledige Mütter. Steht dahinter auch eine Intention von Ihnen – etwa, den Leserinnen und Lesern die Augen zu öffnen, was Ungerechtigkeit Frauen gegenüber betrifft?

Ich finde es faszinierend, wie sehr sich das Leben von Frauen in kurzer Zeit anscheinend geändert hat – während wir gleichzeitig noch die Nachwehen aus früheren Generationen spüren. Bis in die 70er-Jahre durften viele verheiratete englische Frauen nicht arbeiten, vor allem, wenn sie Kinder hatten. Meine Mutter, die eine Vorkämpferin war und als Journalistin arbeitete, kämpfte jeden Tag gegen Vorurteile an. Sie stellte eine Kinderfrau an, wurde aber hart dafür kritisiert, „ihre Kinder alleinzulassen“. Außerdem wurde sie regelmäßig von ihren Bossen schikaniert, sexuell belästigt und schließlich während des Mutterschutzes gefeuert. Leider gibt es all das immer noch, aber zumindest nicht so standardmäßig. Wir denken im Rückblick auf die Swinging Sixties und frühen 70er-Jahre gerne an eine Zeit der Ungezwungenheit und Befreiung, aber die meisten britischen Familien waren immer noch streng kirchengläubig und erwarteten von Frauen, daheim zu bleiben und sich um die Familie zu kümmern. Es gab immer noch schreckliche Einrichtungen wie Arbeitshäuser für ledige Mütter und Irrenhäuser, in denen Frauen am meisten litten.

Gibt es auch in unserer Zeit noch Ungerechtigkeiten, bei denen Sie denken: Darüber müsste ich auch ein Buch schreiben?

Ja, definitiv! Ich sehe meine Bücher gerne als Achterbahnfahrt, auf der man Ungerechtigkeiten entdeckt, die einem davor nicht klar waren. Und ich verfolge gerne die Idee weiter, dass sich für Frauen mittlerweile viel geändert hat – aber manches doch nur an der Oberfläche. Ich war beispielsweise sehr bewegt durch die wunderbaren Rezensionen, die ich für „Das Haus der Verlassenen“ erhalten habe. Die Leserinnen liebten Ivy, sie hassten es, wie sie behandelt wurde und dass ihr das Baby weggenommen wurde. Aber viele von ihnen mochten die moderne Heldin Sam nicht. Wahrscheinlich, weil sie eine ambitionierte Karrierefrau ist und zugleich alleinerziehende Mutter. Vielleicht haben sich die Einstellungen also gar nicht so stark geändert?

In Ihren beiden Romanen spielen Mutter-Tochter-Beziehungen eine wichtige Rolle. Finden Sie dieses Thema besonders wichtig und spannend?

Absolut! Ich kann hier nicht für andere sprechen, aber ich wurde von meiner Mutter sehr geprägt. Wir sind beide Schriftstellerinnen und haben ständig über Geschichten, Figuren, Handlungsstränge gesprochen. Wir hatten einen sehr ähnlichen Sinn für Humor. Wir haben auch viel gestritten, ich war ganz schön frech. Ich war furchtlos als Kind und bin es eigentlich jetzt noch. Meinen Job liebe ich auch deswegen – weil ich nicht in der realen Welt leben muss. Ich bin nicht autoritätsgläubig, das habe ich glaube ich ebenfalls von meiner Mutter. Aber das hat sie auch genervt. Sie war eine Wegbereiterin. Ich vermisse sie sehr.

„Die verlorene Frau“ ist (wie „Das Haus der Verlassenen“) eine wirklich herzzerreißende Geschichte über Frauen, die um ihr eigenes Leben und das ihrer Liebsten kämpfen. Gleichzeitig prägt ein starkes Spannungsmoment die Handlung. Ist das ein charakteristisches Kennzeichen Ihres Schreibens?

Ja, ich hoffe es. Ich stelle mir gern vor, dass es Elemente meines Schreibens gibt, die sehr dunkel sind und deshalb so betroffen machen, weil sie auf einem wahren Geschehen beruhen. Und ich bin unglaublich fasziniert von der Idee, dass ein Trauma quasi zum Teil deiner DNA wird und sich an die Kinder vererbt. Du kannst es nicht loswerden, und deshalb bleibt die Vergangenheit auch immer Teil deiner Gegenwart, wenn du Kinder großziehst. Eine ganz wunderbare Mischung mit allen Zutaten für spannende Fälle, die es zu lösen gilt. Stephen King trifft auf Agatha Christie – zumindest in meinen Träumen!

Rebecca kämpft mit den verschiedenen Rollen als Frau – sie ist Tochter, arbeitende Mutter, die Partnerin ihrer Jugendliebe Harvey. Wie würden Sie ihre größten inneren Konflikte beschreiben?

Ich glaube, Rebecca wird in vielerlei Hinsicht missverstanden. Besonders in ihrer Rolle als Mutter, denn sie kommt aus einer Generation, in der du verurteilt wurdest, wenn du gleichzeitig eine berufliche Karriere verfolgt hast. Ich glaube, ihr Job hat sie manchmal davor bewahrt, verrückt zu werden – eine Tatsache, zu der Frauen sich immer noch nicht bekennen dürfen. Warum solltest du noch irgendetwas anderes brauchen, wenn du eine Mutter bist? Ich glaube, dass Kinder uns inspirieren und unsere Kreativität fördern, bei meinen Kindern war das so. Aber genauso können sie auch für Vereinsamung sorgen und für das Gefühl, sich selbst zu verlieren. Rebecca liebt ihre Kinder, aber sie kann dafür ihre Karriere nicht aufgeben.

Was ist Ihre Lieblingsfigur im Roman?

Definitiv Iris. Sie hat ein großes Herz, und da sie schon viel durchgemacht hat, ist sie für ihre jungen Jahre sehr klug. Ich wäre gern mit ihr befreundet, sie würde einen mit Sicherheit nie im Stich lassen.

Wo ist Ihr liebster Schreib- und Arbeitsplatz?

In meinem Bett. Ich habe mich gerade finanziell für ein tolles neues Arbeitszimmer verausgabt, mit einem wunderschönen Tisch aus Treibholz, und nach zwei Tagen Schreiben an diesem Tisch bin ich wieder in mein Bett zurückgekehrt! Jetzt benutzen die Kinder den Tisch zum Legospielen. Mein Mann verzweifelt schon mit mir!

Haben Sie eine strenge Schreibroutine?

Ja, es müssen 1.000 Wörter am Tag sein. Es ist egal, wann ich sie schreibe, aber ich kann nicht aufhören, bis ich dieses Tagesziel erreicht habe. Manchmal habe ich das schon bis mittags geschafft, manchmal dauert es bis Mitternacht.

Ihre Mutter Penny Vincenzi war ebenfalls eine bekannte Autorin. Hat Sie das dazu inspiriert, Schriftstellerin zu werden?

Ja und nein. Uns gefiel nichts so sehr, wie miteinander spazieren zu gehen und über Geschichten, Plots und Figuren zu sprechen. Aber meine erste große Liebe war eigentlich das Drehbuchschreiben. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, einen ganzen Roman zu verfassen. Doch eines Tages kam mir die Idee zu „Das Haus der Verlassenen“ und ich habe ihr eine Chance gegeben. Meine Mutter hat mich sehr unterstützt. Und ich habe mich so gefreut, dass sie noch kurz vor ihrem Tod von meinem ersten Buchvertrag erfahren hat.

Recherchieren Sie bereits für den nächsten Roman? Können Sie uns vielleicht auch schon einen Hinweis darauf geben, wovon er handeln wird?

Tatsächlich bin ich fast schon halb fertig, und ich liebe die Recherchearbeiten und natürlich das Schreiben. Der Roman wird wieder auf zwei Zeitebenen spielen und handelt zunächst von zwei Mädchen im Jahr 1958. Die eine, Ava, kommt aus einer armen Familie, die andere, Alice, aus einer reichen. Ava fängt sich auf der Farm ihrer Eltern Tuberkulose ein und wird in ein Sanatorium geschickt. Im Laufe eines Jahres schreibt Ava ihrer Freundin Briefe, in denen sie von ihrem Heimweh und der furchtbaren Behandlung im Sanatorium berichtet. Am Anfang des Buches wird Avas Vater für den Mord an Alice hingerichtet. Fünfzig Jahre später entdeckt dann unsere Heldin Jade, Avas Enkelin, dass Avas Vater unschuldig gewesen sein könnte, und sie macht sich auf die Suche nach der Wahrheit.

Wer sind Ihre LieblingsautorInnen?

Kate Morton, Adele Parks, Lisa Jewell, Stephen King, Daphne du Maurier, Margaret Atwood, George Orwell, Agatha Christie.

 

 

 

Über sl4lifestyle

Journalistin aus Leidenschaft, Tierschützerin mit Hingabe und neugierig auf das Leben. Ich stelle Fragen. Ich suche Antworten. Und ab und zu möchte ich die Welt ein Stückweit besser machen ... Manchmal gelingt es!
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