Ein Buch, bevor der Applaus verhallt


Die ornamentale Tätowierung am Unterarm ist filigran ausgearbeitet, spiegelt mit ihren geometrischen und geschwungenen feinen Linien wider wie Franziska Böhler spricht: ruhig, klar, strukturiert und zugleich leidenschaftlich. Für ihren Beruf sind diese Eigenschaften unerlässlich. Franziska Böhler ist Krankenschwester – und neuerdings auch Buchautorin. 

Von Gastautorin Julia Pater

Wenn die heute 33-Jährige ihren beruflichen Werdegang beschreibt, klingt es beinahe fatalistisch. Schon als junges Mädchen versorgte sie wie besessen kleine Wunden ihrer Familienmitglieder. Besuchte sie ihre Großeltern im Krankenhaus, war sie „voller Bewunderung für die Krankenschwester, die total souverän Kabel sortiert und auch eine gewisse Autorität ausgestrahlt hat“. Böhler war mit knapp zehn Jahren klar: Genau das wollte sie auch können.

Im Zwiespalt

Sie bewies Durchhaltevermögen, zog als Jugendliche für die Ausbildung in ein Schwesternwohnheim und arbeitete anschließend auf einer anästhesiologischen Intensivstation in Bayern. Seit 2017 teilt Böhler als @thefabulousfranzi auf Instagram Eindrücke ihres Arbeitsalltags. Dass die zweifache Mutter mit beiden Beinen im Leben steht wird dabei schnell klar. Sie thematisiert Verzweiflung, Druck und Überforderung in einem System, das aufgrund seiner prekären Arbeitsbedingungen immer wieder an den Pranger gestellt wird. Genauso schreibt sie aber auch von Liebe und Sinnhaftigkeit. Der Zwiespalt wird greifbar wenn Böhler Sätze ihres Arbeitsalltags aneinanderreiht: „Wir können keine sichere Prognose abgeben, aber es sieht gut aus“. „Es tut mir sehr leid. Er ist friedlich eingeschlafen“. „Ich kann nicht mehr“. „Ich würd’s immer wieder tun“. 

Was ist uns Pflege wert?

Franziska Böhlers Gedanken zum Pflegenotstand, aber auch ihre Leidenschaft stoßen auf Zuspruch – heute folgen ihr 175.000 Abonnenten auf Instagram. Und sie geht einen Schritt weiter. Am 20. August 2020 erschien ihr Sachbuch „I’m a Nurse. Warum ich meinen Beruf als Krankenschwester liebe – trotz allem“ (HEYNE Verlag). Mit Fallgeschichten von sich und anderer Akteure des Gesundheitswesens will sie eine Diskussion entfachen und der viel gestellten Frage „Was ist uns Pflege wert?“ neuen Antrieb geben. Der Erscheinungstermin hilft. Bevor der Applaus für die Pflegekräfte während der Corona-Pandemie ganz verhallt, befeuert das 256 Seiten starke Werk die Debatte um Personalmangel und Kostendruck erneut. Corona bestimmt die Medien und das Leben von Pflegekräften. Auch Böhler ist konkret betroffen – beruflich wie privat. Im April kehrte sie aufgrund des Covid-19-Virus in die Anästhesiologische Intensivstation zurück. Dort hatte die Krankenschwester kurz zuvor gekündigt, um verstärkt ihrem Zweitjob in der Anästhesieabteilung nachzugehen. Weniger Arbeit am Wochenende, Zeit für die Kinder und den Mann, der ebenfalls in einer Klinik arbeitet. Doch die Kollegen jetzt im Stich zu lassen, kommt nicht in Frage. Vom Applaus und dem Zusammenhalt motiviert stellt sie sich täglich dem Kampf gegen das neue Virus. Dabei erschüttern sie die Umstände. Sie hört von zu wenig Schutzmaterial, Ärzten und Pflegern, die trotz Infektion arbeiten müssen. Und mutmaßt, dass besserer Schutz des Personals möglich gewesen wäre. Ein Pandemieplan des Robert Koch-Instituts liegt seit 2012 vor. 

Rausgehen, demonstrieren, kämpfen

Aber was können normale Bürger tun, um Franziska Böhler und ihre Kollegen zu unterstützen? Auf die Straße gehen, demonstrieren, für bessere Bedingungen in der Pflege kämpfen. Das ist Böhlers Wunsch. Damit die ambitionierte Krankenschwester ihren Kindern in zehn Jahren nicht von dem Beruf abraten muss. 

Franziska Böhler/Jarka Kubsova: I’m a Nurse. Warum ich meinen Beruf als Krankenschwester liebe – trotz allem, 256 Seiten, 12,99 Euro

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Gastautorin Julia Pater

Über sl4lifestyle

Journalistin aus Leidenschaft, Tierschützerin mit Hingabe und neugierig auf das Leben. Ich stelle Fragen. Ich suche Antworten. Und ab und zu möchte ich die Welt ein Stückweit besser machen ... Manchmal gelingt es!
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